Die Woche, die alles entscheidet
So sollte sich der Mai in Amsterdam nicht anfühlen. Ajax, fünfmaliger Europapokalsieger und geistige Heimat des Totalen Fußballs, liegt mit 56 Punkten auf Platz fünf der Eredivisie. Seit 35 Jahren haben sie keinen europäischen Wettbewerb verpasst. Diese Serie hängt nun an einem einzigen Play-off-Finale gegen den FC Utrecht.
Interimstrainer Óscar García hat getan, was Interimstrainer tun: stabilisiert, ohne zu transformieren. Die Tordifferenz von +21 zeigt, dass diese Mannschaft solide verteidigen und treffen kann, aber nichts davon glanzvoll. Funktioneller Fußball hat Ajax eine Überlebenschance erkauft. Ob García damit mehr einbringt, ist eine völlig andere Frage.
Kaplan, Zinchenko und der immer kleinere Kader
Vor dem bedeutendsten Spiel der Saison häufen sich die Transfermeldungen. Ahmetcan Kaplan wechselt fest zu Trabzonspor, ein Deal, der Ajax Berichten zufolge einen Verlust von fünf Millionen Euro auf die ursprüngliche Investition einbringt (1) (3). Oleksandr Zinchenkos Vertrag ist ausgelaufen, auch er steht in Gesprächen mit dem türkischen Klub (17). Auch Eigengewächse gehen von Bord: Der 19-jährige Stürmer Skye Vink steht vor einem Wechsel zum SC Cambuur mit Rückkaufklausel (8) (18), und Nnamdi Koka hat am Samstag seinen Wechsel zu AZ abgeschlossen (12).
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Keiner dieser Abgänge ist für sich genommen katastrophal. In ihrer Gesamtheit signalisieren sie einen Verein, der sich immer noch von der desaströsen Ära unter Sven Mislintat befreit. Mislintat, inzwischen nach einem weiteren Abstieg von Fortuna Düsseldorf entlassen, hinterließ ein Rekrutierungschaos, für das Ajax noch immer im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt.
Míchel und die Jugendfrage, die nicht verschwindet
Míchel ist der Spitzenkandidat für die feste Cheftrainer-Position. Die Verhandlungen laufen, sind aber nicht abgeschlossen, zwei entscheidende Knackpunkte gelten Berichten zufolge als ungeklärt (11). Der Spanier stieg mit Girona kürzlich ab, und Kritiker haben einen Punkt aufgebracht, der Ajax-Anhänger tief treffen sollte: Seine Bilanz in der Jugendarbeit ist dünn. AT5 sprach mit einem Míchel-Kenner, der unverblümt sagte, dass Akademiespieler unter ihm keine nennenswerten Chancen erhielten (2).
Für einen Klub, der seine Legende auf der Förderung von Cruyff, Van Basten, De Ligt und De Jong aufbaute, ist dies keine Randerscheinung. Johan Derksen bezeichnete den Umgang des Aufsichtsrats mit der Trainersuche als „Wahnsinn“ und „ein weiteres Versagen“ (7). Ihm fehlt es vielleicht an diplomatischem Fingerspitzengefühl, aber die Frustration, die er äußert, ist real.
Jagen auf dem Raubtiermarkt
Ajax hat Real Madrids Mittelfeldspieler Dani Ceballos ins Visier genommen, doch Real Betis, frisch für die Champions League qualifiziert, ist in den Wettbewerb eingestiegen (4) (10). Der dänische Teenager Mikkel Bro Hansen von Bodø/Glimt steht auf dem Radar, doch auch Barcelona und Manchester City kreisen (13). Fenerbahçes 17-jähriges Ausnahmetalent Alaettin Ekici, das in dieser Saison 28 Tore erzielte, wird beobachtet (15).
Das Muster ist unverkennbar: Ajax fischt in Gewässern, in denen größere Haie schwimmen. Der Reiz von Amsterdam, des Trikots und des Weges ist weiterhin real. Aber Reize gewinnen keine Auktionen.
Was zu beachten ist
Das Utrecht-Finale ist der unbewegliche Mittelpunkt der kommenden Woche. Alles andere, die Trainersuche, die Transferverhandlungen, die Identitätskrise, ist bis zum Anpfiff nur Rauschen. Siegt Ajax, erkauft sich der Verein einen Sommer mit europäischen Einnahmen und Wiederaufbau. Verliert Ajax, werden die Fragen über García, Míchel, Sutalos bevorstehenden Verkauf und den ausgedünnten Kader deutlich schwerer wiegen. Dieser Klub hat drei Jahrzehnte lang an Europas Tafel gespeist. Nicht zu erscheinen, wäre mehr als eine Enttäuschung, es wäre eine institutionelle Warnung.